Von Wolfgang Böder
Eine Linse soll viele Leben retten
Futuristisches Haus entwickelt
MELLE
Futuristisch sieht es aus, aber nicht überkandidelt. Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Der Meller Maschinenbauingenieur Dr. Shauki Baghdadi hat ein ellipsenförmiges Haus entwickelt, das Menschen Schutz bietet bei Erdbeben, Überschwemmungen, Tsunamis, Stürmen, Tornados, Orkanen, Lawinen, Bergrutschen und Waldbränden.
Nach dem großen Erdbeben 2003 in Bam (Iran) mit 30.000 Toten und ungezählten zerstörten Häusern kam Baghdadi auf den Gedanken, ein Schutzhaus zu entwickeln. Baghdadi: "Der Planet Erde ist eine lebende Kreatur und hat das Recht, sich zu schütteln, wann immer er es will. Aber wenn er es tut, befinden sich die Menschen in einer schlimmen Lage - wegen ihrer Architektur." Baghdadi besprach sich mit einem Freund, einem Praktiker im Hoch- und Ingenieurbau (Türme) in Sankt Petersburg; der fand die Idee fantastisch. So wurde die Vorstellung entwickelt, dass die Menschen bei Naturkatastrophen nicht mehr aus dem Haus fliehen sollten, sondern die vier Wände ihnen im Gegenteil das Leben retten. Abgesehen davon bliebe ein Großteil des Hab und Guts unversehrt. Die Arbeitsgruppe fand heraus, dass die Linsenform als Wohnraum die stabilste Form darstellt, sie ist besser geeignet als die Würfel- oder Kugelform. Hingegen erweist sich auch die Ringform als "seetüchtig", sie kann nicht umgeworfen werden, dafür aber schwimmen. Vorraussetzung ist, dass das Haus ohne erdverbundenes Fundament konstruiert wird. Der Clou: Das Team um Baghdadi geht davon aus, dass Bauherren die Dom Linza (Linsenhaus) für das gleiche Geld errichten können, wie eine gewöhnliche Heimstatt. Das Team hat zudem bereits eine Idee für die Anfertigung der Betonlinse vor Ort entwickelt: Eine Arbeitsvorrichtung kann wie der Kran einer Baustelle angeliefert werden. Dann wird in einem fortschreitenden Feuchtbetonierverfahren das Haus um die spätere Hochachse (Stahlröhre mit Wendeltreppe, die zunächst als Querachse dient) gegossen. Nach etwa vier Wochen ist die Betonlinse fertig und kann je nach Gusto gestaltet oder auch ausgebaut werden. Das Musterhaus bietet 200 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Etagen. Der Durchmesser beträgt 15 Meter, die Höhe 8 Meter. Baghdadi: "Ich sehe hier in Melle und der Nachbarschaft genügend Potenzial, dieses Projekt auf einen ausgereiften Stand zu bringen. Denn hier ist die technische "Infrastruktur gegeben. Mag sein, dass es für die Gegend noch zu früh ist, um in Linsenhäuser zu ziehen; aber es kann hier der Ursprung des Know-hows und der Technik entwickelt werden." Baghdadi denkt bei seinen als Wohnhaus 230 Tonnen schweren Bauwerken aber auch an größere Gebäude wie Kindergärten, Schulen, Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser, Altenheime und so weiter. Der Ingenieur ist überzeugt, den Statiknachweis erbringen zu können. Er hat mittlerweile Interessenten gefunden, die ihn bei der Realisierung eines Prototyps in Melle unterstützen wollen, sucht aber noch Mitstreiter für Details wie etwa die Isolierung, und/oder Investoren um beispielsweise einen Kindergarten als Linsenhaus bauen zu können. Modellansichten sind im Internet zu sehen unter www.dom-linza.ru/de. Nähere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 05422/703837. Der Initiator zeigt stolz ein Modell seines Entwurfs auf dem heimischen Bildschirm.
Wie ein gestrandetes Raumschiff, an das jemand einen Wintergarten und eine Treppe angebaut hat, wirkt das Linsenhaus, das Dr. Shauki Baghdadi in Meile als Prototyp bauen möchte.
Fotos: Wolfgang Böder Badespaß: Seiner Familie dient das Modell von Dr. Baghdadi auch schon mal als Badeinsel.
Gestrandetes Raumschiff in der Selhofeß
Unseren Artikel "Eine Linse soll Leben retten" vom 21. Februar spießt Ulrike Horstmann auf: "Zunächst einmal: Kompliment an das Planungsteam des Ellipsenhauses- die Idee ist fabelhaft! Allerdings, ob Melle der richtige Standort ist, um so ein "Raumschiff" auszuprobieren, da habe ich so meine Zweifel! Zugegeben, das Linsenhaus hat was! Auf jeden Fall bietet es Sicherheit für die Bewohner. Wer will das nicht? Und hat uns nicht "Kyrill" gezeigt, welche Kraft die Natur hat? Im ,Dom Linza' könnten wir Erdbeben überstehen - so lesen wir -, falls uns eine solche Naturkatastrophe jemals erreichen sollte! Na ja! Auch die Gefahr, von Tsunamis überschwemmt zu werden, ist in Melle wohl eher als gering zu bezeichnen; obwohl durch die aktuelle Erderwärmung die Nordsee bald schon vor, unserer Haustür sein könnte, so sagt man. Waldbrände sind nach dem Orkan "Kyrill" eher unwahrscheinlich, da die meisten Bäume ja nicht mehr da sind. Aber es wird ja nachgepflanzt! Lawinen und Erdrutsche könnten uns im Ellipsenhaus auch nichts mehr anhaben. Aber sind die Steine an der Diedrichsburg denn schon so locker, oder sind damit vielleicht die Steine gemeint, die gelegentlich ins Rollen gebracht werden? Beruhigend ist, dass "Dom Linza" seetüchtig ist. Überschwemmungen, die durch die Renaturierung der Else wieder möglich werden könnten, brauchen uns nicht zu beunruhigen. Also, von der Funktion her bietet das Linsenhaus was! Optisch könnte es als gestrandetes Raumschiff in der Selhofe oder im Wievenesch durchaus Akzente setzen und für überregionale Aufmerksamkeit sorgen. Wir wünschen uns doch mehr Besucher in Melle, oder? Die Baugenehmigungen werden für die Behörde allerdings eine Herausforderung sein! Aber wo ein Wille ist...! Ganz besonders begeistert von dem runden Haus sind sicherlich die Anhänger der Montessoripädagogik, es gibt nur runde Ecken!" Ulrike Horstmann Meiler Berg 44 49324 Melle